Leserbrief zum möglichen Einkaufszentrum in Zittaus Innenstadt

Zittau | Lüneburg. Von Curt Pomp, Restaurator aus Lüneburg, wurde folgender Leserbrief übermittelt: "Zittau habe ich zweimal kennen gelernt, einmal kurz nach der Wende und ein weiteres Mal vor wenigen Jahren. Ich fand beim ersten Mal großartig, dass trotz der Verwahrlosung noch so viel erhalten und bei der zweiten Reise, dass viel Positives passiert war und die Stadt auf einem guten Wege schien. Nun hörte ich voller Schrecken, dass in Zittaus Innenstadt eines dieser unsäglichen Einkaufszentren geplant ist, eine Investorenerfindung, die schon vielen alten Städten den Garaus gemacht hat. Die Großstädte wurden durch den Bombenkrieg zerstört und meist gesichtslos wieder aufgebaut, wie zum Beispiel Hannover .Viele dieser zerstörten Städte suchen noch heute ihre Mitte, die durch totale Fehlplanungen beim Wiederaufbau verloren ging. Frankfurt/Main versucht gerade seine alte Mitte zu rekonstruieren unter Abriss eben jener Bauwerke, die nach dem Kriege von ausschließlich „zukunftsorientierten“ Stadträten und Architekten errichtet wurden. Zum Glück hatten viele kleinere Städte die Kriegszerstörungen überlebt, die unsere alte hohe Stadtbaukultur noch dokumentierten konnten. Dazu gehört Zittau genau so wie Lüneburg, die Stadt, in der ich lebe."

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... wer sich selbst ausradiert ...

Weiter heißt es in dem Brief: "Lüneburg feierte 1956 stolz sein 1000jähriges Stadtjubiläum und begann danach die völlig unzerstörte Stadt, vornehmlich das älteste Viertel, abzureißen. Es sah natürlich so aus nach einem langen Krieg - wie auch die Altstädte der DDR: verwahrlost. Ich kam während des Studiums in Hamburg nach Lüneburg, um zu zeichnen, kam nach kurzer Zeit wieder und stand fassungslos vor zerstörten Häusern aus Gotik und Renaissance.

Offenbar gab es in der ganzen Verwaltung und im Stadtrat keinen einzigen Menschen mit Geschichtskenntnissen oder auch dem Mut, sich gegen die unglaubliche Borniertheit von Rat und Verwaltung einzusetzen. Die war nicht auf Lüneburg beschränkt. Damals schien die ganze Bundesrepublik in einer Art geistiger Umnachtung befangen, die in vielen Städten bis heute anhält. Wo es keine Kriegsschäden gab, wurden sie nachgeholt, jeder dümmlichen Modeerscheinung nachgelaufen, Kaufhäuser räumten ganze Quartiere weg, später gingen sie selber pleite. Den Städten blieben die Ruinen.

Ich verließ damals in den späten 60iger Jahren Hamburg, zog in ein Abbruchviertel Lüneburgs und begann eine Bürgerinitiative zu organisieren. Die Initiative wurde schnell größer, wir untersuchten die Häuser. Sie waren plötzlich sehr viel älter, als die Stadt mir erzählt hatte. Aus 200 Jahren wurden plötzlich 500 und mehr Jahre und heute ist aus dem abzureißenden ältesten Stadtviertel ein wunderbares Wohngebiet geworden. Dies alles war fast nur gegen Rat und Verwaltung passiert. Wir hatten eine Tiefgarage unter dem Marktplatz verhindert, sie hätte noch mehr Verkehr in die Stadt gebracht und unser kostbares Rathaus wegen Grundwasserabsenkung gefährdet. Den Nutzen hätte ein Kaufhaus gehabt.

Und es waren auch wir Bürger, die den Tourismus durch qualitätsvolle historische Veranstaltungen gefördert haben. Wegen unserer jahrzehntelangen Rettungs- und Restaurierungsarbeit ist die Stadt so attraktiv geworden, dass hier seit Jahren eine erfolgreiche Fernsehserie läuft, die viele Besucher hierher führt. Die Menschen kommen nicht nur wegen der Kaufhäuser, den gleichen Kram bekommt man ja in jeder Stadt, sondern vor allem auch wegen der von uns gepflegten und bewohnten alten Häuser, die nämlich sind das Kapital jeder alten Stadt! Wer sich nicht gegen eine von Investoren aufgeschwatzte Zerstörung eines großen Teils dieser historischen Substanz auflehnt, ist wahrhaft kein guter Bürger der Stadt.

Goethe hat viele kluge Worte gesagt, auch diese: "Die Architektur ist auf Dauer gegründet, mag man auch immer Fehler begehen, bauen darf man keine." Mit meinen eigenen Worten: Wenn das hässliche, völlig unnötige Betonmonster steht, ist die ganze Stadt in jeder Beziehung ärmer geworden. Viele Städte werden wiederbelebt werden, das ist der Lauf der Geschichte, aber wer sich selbst ausradiert und seine Mitte opfert, dessen Chancen dürften verspielt sein."

Curt Pomp, Restaurator, Lüneburg.

Curt Pomp erhielt das Bundesverdienstkreuz sowie mit dem Arbeitskreis Lüneburger Altstadt den „Deutschen Preis für Denkmalschutz“.

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  • Quelle: red
  • Erstellt am 06.01.2012 - 16:14Uhr | Zuletzt geändert am 06.01.2012 - 16:14Uhr
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