Ein Zeichen setzen! Und dann?

Bild zu Ein Zeichen setzen! Und dann?Zittau, 16. März 2022. Von Thomas Beier. Wenn sich Sprache normiert und einengt, dann werde ich misstrauisch. Die Wurzeln für diesen Argwohn liegen wohl in den Zeiten der SED-Diktatur mit ihren immer wieder heruntergebeteten, schon religiöse Züge annehmenden Phrasen und Parolen. Was damals vorgegeben war, erfolgt heute in vorauseilender Anpassung.

Grafik: Gerd Altmann, Pixabay License
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Bezeichnungen und Sprachmuster in Politik, Gesellschaft und Wirtschaft

Zu den abgedroschensten Phrasen der Gegenwart gehört zweifelsohne "ein Zeichen setzen". Ein Zeichen setzen für oder ein Zeichen setzen gegen – wer das wirklich macht, braucht nicht noch darüber zu palavern, dass sie oder er jetzt ein Zeichen setzt, das Zeichen sollte doch selbst als solches wirken. Ist es nicht längst an der Zeit, ein Zeichen zu setzen gegen das ständige Zeichensetzen? Zumal es weder nennenswerten Aufwandes noch Mutes bedarf, in einer freiheitlichen Demokratie ein Zeichen zu setzen.

Längst ist unsere Sprache von Floskeln durchzogen, befeuert durch den Anspruch auf eine politische Korrektheit, die eigentlich nur ein Ausdruck von Angst vor anderen Meinungen, Sichtweisen und Widersprüchlichkeiten ist und der Intention folgt, nichts falsch zu machen. Da braucht man gar nicht den Begriff "N-Wort" zu zitieren, mit dem verklemmte Seelen den tatsächlich nicht mehr zeitgemäßen, weil diskriminierenden Begriff "Neger" umschreiben.

Ein anderes Beispiel: Im Zusammenhang mit Förderprojekten, die zum Zusammenwachsen innerhalb der EU beitragen sollen und oft an den Nahtlinien der Mitgliedstaaten wirken, ist immer wieder von "grenzüberschreitend" die Rede. Was grenzüberschreitend ist, sollte jeder und jedem spätestens seit dem russischen Angriff auf die Ukraine klar sein. Wer Grenzen verschwinden lassen will, sollte diese durch gedankenlosen Sprachgebrauch nicht ständig betonen.

Die Vergangenheit korrigieren?

Wie im Roman "1984" von George Orwell maßen sich Leute, die offenbar die Macht dazu haben, an, die Vergangenheit korrigieren zu wollen. Bestes Beispiel dazu ist die Diskussion um den Namen der U-Bahn-Station Mohrenstraße in Berlin-Mitte. Eröffnet worden war dieser Bahnhof im Jahr 1908 als Station Kaiserhof, benannt nach einem nahegelegenen Hotel. Der angestrebte Name Wilhelmplatz war nicht mehr frei, weil bereits in Charlottenburg vergeben. Allerdings heißt die Station Wilhelmplatz seit 1935 Richard-Wagner-Platz, wofür sich heutzutage – Wagner war ein Judenhasser – sicherlich ebenfalls Freunde einer Umbenennung finden.

Die Station Kaiserhof konnte unter den Linken freilich nicht mehr so heißen, sie wurde erst Thälmannplatz genannt und dann Otto-Grotewohl-Straße. Der erste Jahrestag der deutschen Wiedervereinigung war Anlass, in Berlin die nach linken Funktionären benannten U-Bahn-Stationen umzubenennen: Aus der Otto-Grotewohl-Straße wurde die Mohrenstraße. Wenn man 1991 nur geahnt hätte, welchen Gegenwind das knapp zwei Jahrzehnte später entfachen würde, weil Verfechter der reinen Lehre bestimmte Begriffe wie eben Mohr als untragbar rassistisch einstufen! Für die Haltstation Mohrenstraße hatten die Berliner Verkehrsbetriebe deshalb im Jahr 2020 die Bezeichnung Glinkastraße in Erwägung gezogen – dumm nur, dass der russische Komponisten Michail Iwanowitsch Glinka (1804 bis 1857) ebenfalls als Antisemit aufgefallen ist.

Die Widersprüchlichkeiten der Vergangenheit lassen sich durch Umbenennungen oder den Sturz von Denkmälern weder bereinigen noch aus der Welt schaffen. Man kann der Vergangenheit nicht widersprechen und diese nachträglich zensieren, auch für die Vergangenheit herrscht Meinungsfreiheit! Im Gegenteil: Was ausradiert wird, fällt dem Vergessen anheim, kann nicht mehr interpretiert und als Lektion verwendet werden. Wäre es nicht besser, an all den Haltstationen und Straßen, die diskussionswürdige Namen tragen, Hinweisschilder anzubringen, die auf Widersprüchlichkeiten hinweisen und so in den genannten Beispielen helfen, die Bezeichnungen im historischen Kontext einzuordnen?

Namen und Zeichen in der Wirtschaft

In der Wirtschaft wirken Bezeichnungen völlig anders als die Benennung von Straßen oder öffentlichen Einrichtungen, denn hier wirken Namen und Zeichen – oft kombiniert oder als grafisch gestalteter Schriftzug wie etwa SIEMENS oder BOSCH, um zwei sehr bekannte zu nennen – noch viel stärker als Marke. Zwar kann sich mit Bezeichnungen wie Sonnenallee oder Robert-Koch-Institut ebenfalls ein Markencharakter verbinden, dennoch ist die Wirkung in der Wirtschaft umfassender – sogar im Rückspiegel: Vor allem im Raum Zittau ist die Erinnerung an Fahrzeugmarken der früheren Industrie hier wie etwa Phänomen, R.A.F. oder Granit erhalten geblieben.

Wird eine Bezeichnung zur Marke, dann gibt es zwei ganz wesentliche Wirkungen. Einerseits ist die Marke ein Versprechen, etwa für den Status des Käufers eines Markenproduktes, aber auch ein Versprechen für Qualität, Haltbarkeit, Kompatibilität, Ersatzteilversorgung, Preiswürdigkeit, Umweltverträglichkeit, Fortschritt und anderes mehr. Ausführlicher auf das Thema Markenware ist der Zittauer Anzeiger im August 2020 eingegangen.

Zum anderen ist die Marke ein Ausdruck von Zugehörigkeit. So tragen Fans eines Unternehmens gern dessen Marke auf der Kleidung, selbst wenn das Produkt für die meisten unerreichbar ist: Sicher tragen mehr Leute ein Ferrari-T-Shirt als tatsächlich einen Ferrari fahren. Wenn Unternehmen die Arbeitskleidung oder Mützen besticken lassen, mit denen ihre Mitarbeiter unterwegs sind, dann soll das ebenfalls Zugehörigkeit zum Ausdruck bringen.

Zugehörigkeit und Identität

Für manchen ist das nicht genug, nämlich dann, wenn das Zugehörigkeitsgefühl zur Identität wird. Nachvollziehen lässt sich das etwa bei Fußballmannschaften, die zum Ausdruck regionaler Identität geworden sind. Ein Beispiel dafür ist der FC Erzgebirge, der – anders als ursprünglich gewollt, weil vermeintlich negativ belegt – seine Identität als Betriebssportgemeinschaft des sowjetisch-deutschen Uranerzbergbaus "BSG Wismut Aue" nie losgeworden ist und klugerweise wieder aufgegriffen hat. Immerhin prangt am Heimatstadion die Aufschrift "Willkommen im Schacht!" und macht den Gastmannschaften klar: Hier ist vor Ort, hier geht es zur Sache.

In Prozessen zur Entwicklung der Corporate Identity ist es übrigens eines der beiden großen Ziele, faszinierend für die eigenen Mitarbeiter zu werden. In gut geführten Unternehmen wie auch anderen Organisationen gelingt es damit, ein besonders hohes Maß an Identität der Beschäftigten mit dem Sinn und dem Agieren ihrer Organisation zu entwickeln. Das zahlt sich wirtschaftlich aus, denn Identität zeigt sich unter anderem in Loyalität und Treue sowie Leistungsfreude und Verbesserungswillen.

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  • Quelle: Thomas Beier | Grafik: Gerd Altmann, Pixabay License
  • Erstellt am 16.03.2022 - 08:23Uhr | Zuletzt geändert am 16.03.2022 - 09:29Uhr
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