Vom Luxus zur Normalität

Bild zu Vom Luxus zur NormalitätZittau, 10. Februar 2022. Von Thomas Beier. Es gibt Sachen, die erscheinen Otto Normalverbraucher nebst Gattin als Gipfel der Dekadenz. Wer den "real existierenden Sozialismus" erlebt hat, erinnert sich sicherlich noch an das rumänische Diktatorenpaar Nicolae und Elena Ceaușescu. Am 25. Dezember 1989 verurteilte ein Militär-Sondergericht beide zum Tode, die Erschießung erfolgte unverzüglich. Treppenwitz der Geschichte: Diktator Ceaușescu hatte die Rechtsgrundlage dafür wenige Tage zuvor mit der Verhängung des "nationalen Ausnahmezustandes" selbst geschaffen.

Abb: Für Ceaușescus "Haus des Volkes" – heute unter anderem als Parlamentspalast genutzt – in Bukarest samst dafür angelegter Plätze und Alleen wurden 40.000 Wohnungen, zwölf Kirchen und drei Synagogen abgerissen; ein Kloster, das ebenfalls geopfert werden sollte, wurde nach weltweiten Protesten um einige hundert Meter versetzt. Im Volksmund hieß der völlig überdimensionierte Protzbau "Haus des Sieges über das Volk"
Foto: Eugen Visan, Pixabay License
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Luxus kann verwerflich sein – unter anderen Bedingungen jedoch ökonomisch

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Die sechssitzige Piper PA-34 Seneca bringt 220 PS in die Luft und erreicht eine Reisegeschwindigkeit von rund 360 Kilometern in der Stunde – für wen sich das rechnet, ist so ein Turboprop-Privatjet zur Miete kein Luxus mehr
Symbolfoto: Kim Hunter, Pixabay License

Das Diktatorenpaar lebte in einem Luxus, wie sich linksozialistisch verklärte Proleten eben das Leben der Reichen vorstellen, in einer Mischung aus Kitsch und Pomp, die sich im Frühlingspalast, der privaten Residenz des kommunistischen Herrscherpaares, nachvollziehen lässt. Aus heutiger Sicht ist vieles, was damals bei den Ceaușescus als unverschämter Luxus galt, keiner mehr: Viele Eigenheime in Deutschland verfügen über Sauna und Pool, nur bei den mit Blattgold belegten Schwanenhals-Wasserhähnen der Diktatoren dürfte kaum jemand mithalten können – wozu auch?

Manches hingegen erscheint heute lächerlich, etwa wenn Elena Ceaușescus durchaus mit Erfolg der Welt vorgaukelte, eine bedeutende Wissenschaftlerin, gar die "führende Gelehrte der Welt" zu sein. Die Verwerflichkeit des Lebens der Ceaușescus liegt darin, dass sie ein Leben in verschwenderischem Luxus führten, während sich etwa in rumänischen Kinderheimen die ganze Menschenverachtung des Systems zeigt: Man ließ Kinder hungern und dahinvegetieren und nahm billigend in Kauf, dass sie starben.

Unbekümmert davon flog Elena Ceaușescus, die sich gern "Mutter der Nation" nennen ließ, regelmäßig im Privatjet zum Friseur nach Paris. Was damals für Unverständnis und Hass sorgte, ist in der deutschen Wohlstandsgesellschaft der Gegenwart kaum mehr als ein Schulterzucken wert. Geht es ums Thema Fliegen, dann stehen nicht mehr die Kosten, sondern eher Ressourcen- und Umweltaspekte im Mittelpunkt.

Im Dreieck von Nachhaltigkeit, Zeit und Kosten

Erst vor kurzem geisterte eine Meldung durch die Medien, dass in der Coronapandemie mit ihren Reiseeinschränkungen nahezu leere Passagierflugzeuge starten, damit bestimmte Landerechte nicht verloren gehen, weil die Flugverbindungen nicht bedient werden. Wie weit her ist es also mit der Vernunft des Menschen?

Die Auslastung von Verkehrsmittel ist schon lange ein Thema und die allein seligmachende Lösung liegt ganz sicher nicht darin, einen attraktiven öffentlichen Personenverkehr anzubieten, wie es derzeit durch getaktete Fahrpläne in Mode ist. Zwar kann man damit den Umstieg vom Individualverkehr in bestimmten Siedlungsstrukturen attraktiver machen, aber macht es wirklich Sinn, wenn abend ein Bus mit zwei oder drei Fahrgästen über die Dörfer tingelt?

Nach auffälliger ist diese Frage beim Flugverkehr, der auf der Langstrecke im Grunde alternativlos ist, bei mittleren Strecken von den Prioritäten des Reisenden abhängt und – da dürften sich die meisten einig sein – auf kurzen Strecken von der Bahn ersetzt werden kann.

Welche Prioritäten zählen?

Die erwähnten Prioritäten der Reisenden in Bezug auf das Verkehrsmittel dürften höchst unterschiedlich sein: Der eine wählt ein Fortbewegungsmittel, mit dem sein ökologischer Fußabdruck möglichst klein bleibt, der nächste fragt nach den Kosten der Reise und stellt diese in den Mittelpunkt und einem dritten wiederum ist beides egal, weil seine Zeit zu wertvoll ist. Nun ist “keine Zeit” zu haben durchaus schick, zeigt man damit doch: “Ich bin wichtig!” Vielen würde etwas Entschleunigung guttun, nur ist sie kein universelles Patentrezept. Ein grundsätzlich zu befürwortender Ansatz ist es, Verkehrsmittel – ob nun öffentlich oder privat – möglichst gut auszulasten. Damit sinkt der Ressourcenverbrauch pro Kopf und die Kosten tun es ihm gleich.

So gesehen würde das damals angesichts der Umstände verachtenswerte Leben der Elena Ceaușescu was die Privatflüge nach Paris betrifft heute ein Stück weit in einem anderen Lichte stehen. Ein Direktflug von Berlin nach Paris kosten inklusive Rückflug aktuell ab 84 Euro und dauert eine Stunde und 45 Minuten. Mit dem Zug wäre man um die 13 Stunden unterwegs, bei stark unterschiedlichen Preisen, in einer der günstigeren Varianten etwa zum Flugpreis. Noch einmal die Frage: Welche Rolle spielen angesichts dieser Zahlen Umwelt, Geld und Zeit?

Kosten pro Kopf betrachten

Je nachdem, wo man starten und wo man ankommen möchte, kommen weitere Wege-, Zeit- und Kostenfaktoren ins Spiel. Steht die Reisezeit im Mittelpunkt, ist der Privatjet auch heute eine Option: Je nach Größe und Auslastung kostet die Flugstunde pro Fluggast ab reichlich 60 Euro bei einer Turboprop Maschine mit 66 Sitzplätzen und ungefähr ab 200 Euro bei einer viersitzigen Beechcraft, ein Beispiel dazwischen ist eine Fairchild mit 19 Sitzplätzen, die bei voller Auslastung ab reichlich 100 Euro pro Kopf und Flugstunde kostet. Die Zahlen stammen von einer Webseite mit Angeboten, wie man sich eine Turboprop mieten und davonfliegen kann.

Widersprüchlichkeit bleibt

Während Privatpersonen über ihre Freizeit weitgehend selbstbestimmt verfügen können, ist das bei unternehmerisch tätigen Leuten anders, denn hier rückt das Gesetz von der Ökonomie der Zeit in den Vordergrund. Deshalb muss man sehr vorsichtig sein, eigene Ansichten und Wertvorstellungen als Maßstab für das Verhalten anderer zu nutzen. Andererseits gelten die Ansprüche an Ressourcen- und Umweltschonung sowie Nachhaltigkeit universell. Wem das Widersprüchlich erscheint, dem muss man sagen: Stimmt.

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  • Quelle: Thomas Beier | Foto Parlamentspalast: Eu_eugen / Eugen Visan, Pixabay License; Foto Flugzeug: Kim_R_Hunter / Kim Hunter, Pixabay License
  • Erstellt am 10.02.2022 - 16:44Uhr | Zuletzt geändert am 27.05.2022 - 20:31Uhr
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