Herrnhuter Bahn Sachsens einzig echter Reaktivierungskandidat?

Bild zu Herrnhuter Bahn Sachsens einzig echter Reaktivierungskandidat?Herrnhut, 1. Juli 2021. Ob die Eisenbahnstrecke 6214 Oberoderwitz - Niedercunnersdorf – Herrnhuter Bahn genannt – Sachsens einzig echter Reaktivierungskandidat unter den Bahnstrecken ist, fragt der Pro Herrnhuter Bahn e.V., der die nachstehende, redaktionell geringfügig bearbeitete Betrachtung übermittelt hat.

Abb.: An der Eisenbahnstrecke Zittau - Ebersbach/Sa. auf dem Tonberg in Zittau
Archivbild: © Zittauer Anzeiger
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Landtagsabgeordnete wollen Gleisrückbau verhindern

Mit großer Freude haben die Mitglieder des Pro Herrnhuter Bahn e.V. das wieder erwachte Interesse der Deutschen Bahn an der stillgelegten Eisenbahnstrecke 6214 Oberoderwitz – Niedercunnersdorf aufgenommen. Im sächsischen Koalitionsvertrag zwischen CDU, Bündnis90/Die Grünen und SPD werden Streckenreaktivierungen ausdrücklich erwähnt. Vereinbart ist auf Seite 48 die "Prüfung der Reaktivierung von stillgelegten oder abbestellten Schienenstrecken oder von Lückenschlüssen".

Ziel der Bundesregierung ist im Rahmen des Klimaschutzes eine Verdopplung der Fahrgastzahlen bis 2030 und die Erhöhung des Anteils des Schienengüterverkehrs von derzeit 17 auf 25 Prozent. Zur Umsetzung dieser Ziele ist nun ein umfangreiches Programm zur Wiederinbetriebnahme stillgelegter Eisenbahninfrastruktur vorgesehen. Hierbei können die Länder ihren Bedarf an zu reaktivierenden Bahnstrecken anmelden. 14 der 16 Bundesländer haben dies bereits getan – Sachsen noch nicht.

Hier ist man laut Verkehrsminister Martin Dulig (SPD) "in gutem Einklang mit der Deutschen Bahn, Strecken genauer zu untersuchen". Die Bahn selbst stellt dazu eine Informationsgrafik bereit. Diese Grafik zeigt in Sachsen auf den ersten Blick sechs potentielle Reaktivierungskandidaten auf. Dem geschulten Betrachter fällt jedoch auf, dass fünf dieser sechs Bahnstrecken tatsächlich gar nicht reaktiviert werden müssen, da diese noch in Betrieb sind:


    • B: Beucha – Brandis – Trebsen:
      verpachtet an die Deutsche Regionaleisenbahn GmbH, öffentlicher Eisenbahnbetrieb mehrmals im Monat (Güterverkehr)

    • C: Döbeln – Meißen:
      verpachtet an die Nossen-Riesaer Eisenbahn Compagnie, öffentlicher Eisenbahnbetrieb teilweise täglich (Güterverkehr, vereinzelt Sonderzüge)

    • D: Pockau-Lengefeld – Marienberg:
      Eigentümer DB-RegioNetz Infrastruktur GmbH (Erzgebirgsbahn), öffentlicher Eisenbahnbetrieb (Militärverkehr Marienberg)

    • E: Kamenz – Hosena:
      Eigentum der DB Netz AG, täglich öffentlicher Eisenbahnbetrieb (täglicher Güterverkehr, Saisonaler Personenverkehr im Rahmen der Seenlandbahn)

    • F: Ebersbach – Löbau:
      verpachtet an die Deutsche Regionaleisenbahn GmbH, öffentlicher Eisenbahnbetrieb (wöchentlicher Güterverkehr, saisonale Sonderverkehre Löbau – Rumburk durch Ostsächsische Eisenbahnfreunde)

Alle diese Strecken dienen somit aktuell dem Güter- bzw. dem saisonalen Ausflugsverkehr. Keine dieser Strecken ist außer Betrieb oder gar stillgelegt. Von einer "Reaktivierung" dieser Strecken kann daher gar nicht gesprochen werden. Die Bahnstrecke Oberoderwitz – Niedercunnersdorf, also die Verbindung zwischen den ostsächsischen Städten Löbau und Zittau, ist hingegen ist seit knapp 20 Jahren stillgelegt. Hier sind die Voraussetzungen für eine Reaktivierung geschaffen: sämtliche Grundstücke, Brückenbauwerke und Gleisanlagen sind noch vorhanden und stünden nach entsprechender Ertüchtigung für die Aufnahme von Personen- und Güterzügen bereit. Nun liegt es in der Hand des Freistaates Sachsen, diese nicht nur regional, sondern auch international (Prag-Berlin) bedeutende Verkehrsachse beim Bund zur Reaktivierung anzumelden.

Gegen diese wichtigen Pläne zur Reaktivierung steht ein Kreistagsbeschluss des Landkreises Görlitz, die Bahnstrecke Oberoderwitz – Niedercunnersdorf in eine Radverkehrsanlage umzuwandeln. Dafür läuft immer noch ein Planfeststellungsverfahren zum Gleisrückbau. Diese lokalen Pläne stehen somit den Zielen der Bahn, der Bundesregierung sowie des Freistaates Sachsen entgegen. Wir als Pro Herrnhuter Bahn e.V. fordern, den nicht mehr zeitgemäßen Kreistagsbeschluss rückgängig zu machen, sowie das Planfeststellungsverfahren zum Gleisrückbau aufzuheben. Der Freistaat Sachsen sollte die einmalige Chance nutzen, der Herrnhuter Bahn über das Reaktivierungsprogramm des Bundes neues Leben einzuhauchen und damit nicht nur die Verkehrserschließung in der Oberlausitz zu verbessern, sondern auch seinen Anteil zur Umsetzung der Klimaschutzpläne der Bundesregierung zu leisten.

In einem Gespräch mit Dr. Stephan Meyer (MdL, CDU), Franziska Schubert (MdL, Bündnis90/Die Grünen) und dem verkehrspolitischen Sprecher der Landtagsfraktion Bündnis90/Die Grünen Gerhard Liebscher (MdL) mit Vertretern des Pro Herrnhuter Bahn e.V. wurde am heutigen Tag (1. Juli 2021) vereinbart, dass die Abgeordneten sich für ein Moratorium zur Aussetzung des Planfeststellungsverfahrens zum Gleisrückbau einsetzen wollen, bis das Ergebnis der Prüfung zu reaktivierender Strecken in Sachsen vorliegt.

Mehr erfahren im Zittauer Anzeiger:
Kommt die Bahn zurück nach Ebersbach und Herrnhut?

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  • Quelle: red | Foto: © Zittauer Anzeiger
  • Erstellt am 01.07.2021 - 18:36Uhr | Zuletzt geändert am 01.07.2021 - 18:58Uhr
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